Das Arbeits- und Forschungsprogramm
Den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, deren Ausbau in der Bundesrepublik
Deutschland wie in anderen westlichen Industriegesellschaften derzeit massiv forciert wird,
wird das Potential zugetraut, die Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens grundlegend zu
verändern. Das Ausmaß des erwarteten Gesellschaftswandels kommt etwa in den Schlagworten von
der "digitalen Revolution" oder der These vom übergang in die "Informationsgesellschaft" zum
Ausdruck. Obwohl derzeit noch unklar ist, wie weit die dadurch induzierten Veränderungen im
einzelnen tatsächlich reichen werden und obwohl der Begriff der "Informationsgesellschaft", wie
viele sozialwissenschaftliche Konzepte, in der politischen und wissenschaftlichen Diskussion
eher mehrdeutig und unscharf verwendet wird, ist die tatsächliche Ausbreitung der "neuen
Medien" in vielen gesellschaftlichen Funktionsbereichen (Politik, Arbeit, Bildung, Kultur,
öffentliche Verwaltung, Gesundheit und Verkehr) unübersehbar. Die Sozialwissenschaften sind
insoweit aufgerufen, die damit einhergehenden Entwicklungen im Blick zu behalten, ohne die
wirklichen Umwälzungen voreilig zu überzeichnen. Die sicherste Garantie dafür bietet ein
empirischer Zugang zum Thema.
Ein solcher Zugang steht zunächst vor dem Problem der Abgrenzung seines Untersuchungsgegenstands. Der
besteht offenbar nicht aus einer einzelnen Technologie, sondern aus dem Konvergenzprodukt von
Unterhaltungselektronik, Computertechnologie, Rundfunk und Telekommunikation. Der Begriff "Multimedia" scheint
dem auf den ersten Blick angemessen. Multimedia wird als Sammel- oder Oberbegriff für digitale
kommunikative Prozesse benutzt, die sich verschiedener Medien (Text, Sprache, Graphik, Animation, Musik,
Stand- und Bewegtbild) bedienen, wobei der Nutzer auf die einzelnen Medien wahlfrei zugreifen kann. Rein
technisch gesehen zeichnen sich die Multimedia-Anwendungen insoweit durch:
- interaktiven Gebrauch statt einseitiger und passiver Rezeption, Integration von
verschiedenen Medien der Kommunikation,
- digitale Vermittlung, Speicherung und Verarbeitung von Daten
aus. Andererseits hat sich "Multimedia" inzwischen zu einem Oberbegriff für alles und
jedes entwickelt, auch für Medientechniken, an denen wenig interaktiv oder multimedial
ist. Die Projektgruppe Online-Kommunikation beschäftigt sich vornehmlich mit Kommunikationsmedien, die
tatsächlich neue Kommunikationsweisen anbieten, nämlich "echte" interaktive und multimediale
Online-Dienste. Die heute schon greifbare Realität dieser digitalen Kommunikationsstrukturen heißt
"Internet". Das Internet ist heute das weltweit größte offene Computernetz, das zudem weiterhin im
raschen Wachstum begriffen ist. Es ist eines der wichtigsten Leit-Medien dieser Entwicklung und zugleich
Vorläufer für vieles, was noch kommen wird. Im Internet liegen schon heute diejenigen Potentiale,
die die "digitale" Revolution auch zu einer "kommunikativen" Revolution machen können, nämlich
Interaktivität und Multimedialität von Massen- und Individualkommunikation.
Ihre Leitfrage nach den Veränderungen von Strukturen, Inhalten und Folgen
gesellschaftlicher Kommunikation durch den Einsatz interaktiver Online-Medien verfolgt die
Projektgruppe bisher auf vier Arbeitsfeldern:
Politik und Online-Kommunikation
Der Zusammenhang von Politik und Online-Kommunikation ist offenbar eine wechselseitiger. Einerseits gibt es
Ansätze des politischen Systems, den Prozeß der gesellschaftsweiten Ausbreitung computervermittelter
Kommunikation im Rahmen der eigenen Handlungsmöglichkeiten zu regulieren, wenn nicht zu steuern.
Online-Kommunikation ist also ein neues Politikfeld bzw. ein neuer Gegenstand verschiedener "Public Policies",
wie insbesondere der Wirtschafts- und Standortpolitik, der Telekommunikationspolitik und der Medienpolitik
(das ist die Policy-Dimension des Themas). In umgekehrter Richtung könnte die Online-Kommunikation
ihrerseits die Macht- und Einflußbedingungen im politischen Prozeß beeinflussen, wenn Online-Kommunikation zu
einer neuen Plattform politischen Kommunikation entwickelt wird, einem Medium, über das sich Prozesse der
Interessenartikulation, der Interessenorganisation, der politischen Mobilisierung usw. vollziehen lassen (das
ist die Politics-Dimension des Themas). Schließlic und Verfahren zur Verfügung, sowohl im Hinblick auf
eine Verdichtung der Kommunikation innerhalb des politisch-administrativen Systems, als auch im Hinblick auf
die Kommunikation zwischen Regierenden und Regierten (das ist die Polity-Dimension des Themas). In allen drei
Bedeutungsdimensionen von Politik lassen sich insoweit spezifische Fragestellungen anschließen, die insgesamt
ein politikwissenschaftliches Studien-, Forschungs- und Beratungsfeld von erstaunlicher Breite
konturieren.
Kommerzielle Online-Kommunikation
Den zweiten Schwerpunkt bilden Untersuchungen der inhaltlichen und medialen "Qualität" von kommerzieller
Online-Kommunikation privatwirtschaftlicher Unternehmen. Bei kommerzieller Kommunikation steht nicht das
"Informieren" sondern das "Verkaufens" im Mittelpunkt der Kommunikatorabsichten. Damit verbunden sind
Kommunikationsziele wie insbesondere Imagebildung, Imagewerbung und Produktwerbung. Die herkömmlichen
Arten instrumenteller Kommunikation (Werbung, PR, öffentlichkeitsarbeit mittels "klassischer" Medien)
versagen aus den verschiedensten Gründen immer häufiger vor diesen Aufgaben. Deshalb suchen
Unternehemn nach neuen Möglichkeiten der Marktkommunikation und des Miteinander-in-Beziehung-Tretens.
Statt der klassischen Push-Kommunikation, die auf ein mehr oder weniger anonymes Publikum zielt, versuchen die
Kommunikatoren mit den Kunden in direkten Kontakt zu treten. Online-Kommunikation bietet hier aufgrund seiner
exklusiven Eigenschaften bisher nicht gekannte Möglichkeiten. Die ne uen medientechnischen Potentiale
(vor allem Multimediafähigkeit und Interaktivität) zwingen andererseits zu neuartigen
Kommunikationsstrategien, denn die Potentiale eines Mediums bestimmen zu einem gewissen Grad seine Nutzung.
Das Medium eröffnet dem Kommunikator nicht nur die Möglichkeit in den Dialog zu treten, es zwingt
ihn zur Dialogfähigkeit. Online-Kommunikation verlangt insoweit neue Formen der Ansprache, der Gestaltung
und der Inhalte "werbender" Kommunikation. Wie werden diese Anforderungen umgesetzt und welchen
Kommunikationserfolg können sie erreichen? Das ist die Leitfrage dieses Arbeitsgebiets.
Netzkommunikation von Non-Profit-Organisationen
Die ökonomisierung des öffentlichen Sektors ist ein Phänomen von nahezu globaler Reichweite. Im
Zuge dieser Entwicklung werden öffentliche Aufgaben und die zugehörigen Einrichtungen immer
häufiger unter Kosten-/Nutzengesichtspunkten und im Hinblick auf ihre unmittelbare "Verwertbarkeit"
betrachtet. Damit gerät der öffentliche Sektor unter einen nie gekannten, öffentlichen
Rechtfertigungs- und Legitimationsdruck. Er ist gezwungen, die gesellschaftliche Notwendigkeit seiner
Leistungen immer wieder öffentlich zu begründen und Effektivität wie Effizienz der
Leistungserbringung gegenüber dem Publikum nachzuweisen. Das betrifft den öffentlich-rechtlichen
Rundfunk genauso, wie Universitäten oder Kommunalverwaltungen. In dem Maße wie solche Einrichtungen ihre
Selbstbeschreibung auf "Dienstleistungsunternehmen" umstellen (müssen), werden aus den vormaligen
Klienten Kunden, die umworben werden wollen. Das gleiche gilt für den Markt der potentieller Spender und
Sponsoren. Marktkommunikation, Ima gekampagnen und Eigenwerbung gehören folglich heute zu den
Pflichtaufgaben vieler nicht gewinnorientierter Organisationen. Hierbei werden auch die Online-Medien ein
zunehmed wichtiger Kommunikationskanal zum Kunden. Die Frage nach den Einsatz- und Wirkmöglichkeiten
dieser Kommunikationsform stellt sich also auch in diesem Bereich.
Methoden der empirischen Netzforschung
Wie eingangs dargelegt, verfolgt pro-online einen empirischen Zugang zu seinen Themenfeldern. Methoden der
empirischen Netzforschung werden damit gleichsam zum Querschnittsthema der Forschungsarbeit. Die Leitfrage
nach nach den Veränderungen von Strukturen, Inhalten und Folgen gesellschaftlicher Kommunikation durch
den Einsatz interaktiver Online-Medien wird hierbei zur Frage nach den neuen methodischen Anforderungen an
deren Erforschung umformuliert. Offensichtlich ist eine einfache übertragung der "klassischen" Methoden
empirischer Sozialforschung, vor allem von Befragungen sowie qualitativen und quantitativen Inhaltsanalysen,
auf die Analyse von Online-Kommunikation wenig erfolgversprechend. Vielmehr machen es deren Spezifika
notwendig, die o.g. Verfahren zu modifizieren, vielleicht sogar vollständig neu zu entwickeln, um die
"soziale Realität" in Datennetzen valide und reliabel zu erfassen. Ferner wird auch darum gehen,
adäquate Methoden zur Analyse der so gewonnen Daten zu entwic keln bzw. bereits vorhandene Techniken etwa
der statistischen Datenanalyse oder qualitativ interpretierender Verfahren zu adaptieren. Ziel all dieser
Bemühungen wird sein, einen innovative Methodologie zu entwickeln, die den Eigenheiten von
Online-Kommunikation Rechnung trägt. Die Verknüpfung von methodologischer Grundlagenforschung und
deren Anwendung in konkreten empirischen Projekten erlaubt schließlich, den Kreis von wissenschaftlichem
Erkenntnisinteressen und anwendungsorientiertem Handlungswissen zu schließen.
Innerhalb dieser Themenfelder wird "pro online" grundlagenorientierte und anwendungsbezogene
Forschungsprojekte durchführen. Ein weiteres Ziel ist es, auf der Basis gründlicher empirischer
Kenntnisse der Zusammenhänge, praxisrelevante Gestaltungskonzepte für die Kommunikation in und mit
offenen Datennetzen zu erarbeiten. Abnehmer solcher Konzepte könnten die Hochschule selbst, aber auch
andere öffentliche und private Einrichtungen sein. Darüber hinaus soll "pro online" als
Projektträger konkreter Pilotprojekte tätig werden, mit deren Hilfe das anwendungsorientierte Wissen
verbreitert werden soll.
Informationen zu geplanten oder laufenden Projekten mit knapper Inhaltsanangabe, Bearbeitungs-
bzw. Planungsstand, einigen Angaben zur Durchführung und Finanzierung finden Sie
hier. Einige theoretisch-konzeptionelle Vorüberlegungen
zu den Forschungsfeldern (v.a. zu 1. und 2.) liegen in Form von kleineren
Veröffentlichungen vor.
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